Das Bong Sao Prinzip – durch Nachgeben gewinnen

Gastautorin Lena Raudenkolb – 23.11.2023


Die meisten Menschen, die an eine Kampfkunst denken, haben wahrscheinlich die körperliche Auseinandersetzung selbst im Kopf, den starken Widerstand, das starre Gegenhalten. Das greift im MyPassion Wing Chun nach dem Prinzip von Sifu Akin Özden jedoch zu kurz. Ein ganz bedeutender Vorteil ist, dass es eben nicht um pure Kraft geht, sondern um eine Balance aus Power und kontrolliertem Nachgeben. Den Angreifenden in die Leere laufen zu lassen, ist oft viel effektiver.

Im Training hat Sifu eine Technik gezeigt, die dieses wichtige Prinzip sehr anschaulich wiedergibt:

Die Armtechnik Bong Sao

(Rechter Arm Bong Sao – Linker Arm Wu Sao)

Im ersten Moment erscheint der vor dem Oberkörper gehaltene Unterarm wie eine reine Abwehr, doch das täuscht. Sinngemäß übersetzt bedeutet die Bezeichnung „schwingender Arm“. Wie ein Weidenzweig nimmt er die Wucht des Angriffs flexibel auf, wähnt den Gegner für einen Moment lang in Sicherheit, dass er stärker und die Abwehr schwach ist. Doch dass die Abwehrtechnik schwach ist, ist falsch. Denn der Wing Chun Trainierende gibt nur bis zu einem gewissen Punkt nach, der Arm bricht niemals ein. Eine nach vorne gerichtete Spannung lässt den Arm dabei federn. Man kann es sich mit dem Bild des Weidenzweigs ganz leicht vorstellen: Erst biegt man ihn zurück und unmittelbar nach dem Loslassen schnellt er nach vorne. Wenn der Gegner also kurz unachtsam ist, weil er sich schon am Ziel wähnt, ist aus der Abwehr plötzlich ein blitzschneller Gegenangriff geworden.

Was wäre passiert, hätte der Angreifende von vornherein einen starren Arm getroffen?

Er hätte sicherlich nicht so schnell eine Chance zum Gegenangriff geboten. Außerdem hätte die eigene Abwehr den Schlag vielleicht nicht mehr halten können. Um die Weidenzweig-Analogie noch einmal aufzunehmen: Ein starrer Stock ist viel leichter zu brechen. Im Sturm schwankende Äste von Bäumen, die dennoch keinen Schaden nehmen, verdeutlichen das ebenso gut. Sie zeigen, dass das Prinzip des Nachgebens gegen eine starke Kraft keine Schwäche ist, sondern eine gut funktionierende Strategie. Im MyPassion Wing Chun geht es um das Ableiten der Kraft, nicht um das Gegenhalten. Mein Sifu sagt dazu sinngemäß: Es gibt Milliarden Menschen auf der Welt – davon können viele stärker sein als man selbst. Aber gebe ich richtig nach, kann mich keiner besiegen.

Er beschreibt auch, dass das Prinzip mental genauso logisch ist wie im physischen Kampf. Das gilt besonders für den Alltag.  Es kostet psychisch viel Kraft, ständig gegen etwas zu kämpfen. Viele Menschen sind erschöpft vom buchstäblichen Alltagskampf, der nicht aufzuhören scheint und reagieren oft damit, sich noch stärker gegen das Problem zu stellen, härter zu kämpfen. Manchmal lohnt es sich natürlich, Kraft gegen etwas aufzuwenden, für eine Sache zu kämpfen. Aber längst nicht immer.

Im Volksmund gibt es dazu eine ganz treffende Formulierung: „Der Klügere gibt nach.“ Dabei ist jedoch eines wichtig: Es ist ein kontrolliertes Nachgeben gemeint. Kein Aufgeben. Lohnt es sich beispielsweise im Job bei einer verhärteten Diskussion gegen die Meinung anderer zu kämpfen, die eigenen Argumente den anderen entgegenzuschleudern, obwohl sie deutlich gemacht haben, dass sie ihrem Standpunkt nicht ändern?

Oder ist es hier nicht sinnvoller, zunächst ein wenig einzulenken – nachzugeben, sodass sie sich bestärkt und wahrgenommen fühlen. Allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze, sodass man anschließend – ganz wie in der körperlichen Anwendung des Bong Sao – die Lücke nutzen kann, um das eigene Ziel letztendlich doch zu erreichen. Bei diesem Beispiel, den Fronten in der Diskussion, muss es aber nicht unbedingt darum gehen, dass ich gewinne und die anderen verlieren. Das Ziel kann hier schließlich auch sein, den Streit zu beenden und miteinander einen guten Kompromiss zu schaffen.

Im Wing Chun ist das Ableiten der Kraft ein wesentliches Element. Nur durch die Flexibilität kann man Gegnern jeglicher Stärke gegenübertreten. Auf der mentalen Ebene ist es z. B. bei jemandem, der oder die einem wütend die Stirn bietet, viel kraftsparender, nicht gedanklich gegenzuhalten, sondern die emotionale Kraft an sich abperlen zu lassen – sie ins Leere laufen zu lassen. Ohne jedoch klein beizugeben, der Bong Sao gibt schließlich nie vollständig nach.

Dieses auf den allerersten Blick widersprüchlich erscheinende Nachgeben kann man im Training üben. Über die körperliche Anwendung des Bong Sao wird dann auch die geistige Anwendung viel anschaulicher.  Kommen Sie also vorbei und erfahren Sie im geschützten Rahmen des MyPassion Wing Chun Trainings ganz direkt, wie es sich anfühlt, wenn man einem Angreifenden starr oder flexibel gegenübertritt und erleben Sie, dass man durch Nachgeben gewinnen kann.

MyPassion Wing Chun Redaktion bedankt sich bei Gastautorin Lena Raudenkolb für Ihre Kolumne


Für alle, die Wing Chun trainieren, hier noch einmal der Ablauf einer Bong Sao Technik im Kampf.

In einer Kampfsituation wird die Kampfstellung (Man Sao und Wu Sao) zum Schutz positioniert:

Wenn der Gegner mit einem Armangriff angreift, wird die Kampfstellung vorgeschoben, um Kontakt zum Arm des Gegners aufzunehmen:

Durch die Angriffskraft des Angreifers gerät der Man Sao in die Position des Bong Sao und gibt nach:

Weil eine Wing Chun Kämpferin immer gleichzeitig in Abwehr und Angriff agiert, führt der rechte Arm einen Handflächenstoß nach vorne aus:

Für alle Interessierten, die wissen möchten, warum wir bei MyPassion Wing Chun den Handflächenstoß anstelle des Fauststoßes trainieren, finden hier die entsprechende Erklärung.


Hat der Artikel euer Interesse geweckt? Dies und viele andere Aspekte des MyPassion Wing Chuns werden in dem neuen Buch von Sifu Akin Özden thematisiert. Veröffentlichung 2024.